Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt – Vom Absturz des SV Eintracht Trier

SV Eintracht TrierNach dem Spiel ist vor dem Spiel. Nach einer reichlich verkorksten Saison und zwei Trainern steht der nun Ex-Regionalligist aus der ältesten Stadt an der Mosel vor einem Neuanfang – und das, obwohl man noch die letzte Saison 2015/16 nach mitunter glänzendem Saisonverlauf besonders in der Hinrunde auf einem versöhnlichen fünften Platz abgeschlossen hatte. Jetzt heißt es: Mund abputzen, nach vorne schauen. Die Kaderplanungen jedenfalls laufen bereits seit Wochen auf Hochtouren.

Wer hätte vor Beginn der Saison eine Wette darauf abgeschlossen, dass die Eintracht nach dem letzten Spieltag auf dem vorletzten Platz in der Tabelle die Saison abschließen und den schweren Gang in die Oberliga Rheinland-Pfalz/Saar antreten müsste? Nur Aufsteiger und Schlusslicht FC Nöttingen ließ man gerade mal mit fünf Zählern hinter sich – und ganzen elf Punkten bis zum sicher rettenden 13. Tabellenplatz.

Zugegeben: Diesmal waren Liga-Neulinge wie etwa Drittliga-Absteiger Stuttgarter Kickers, die Zweite aus Stuttgart und der SSV Ulm von einem anderen Kaliber als die Neuzugänge in der Saison 2015/16 wie Saar 05 Saarbrücken, dem Balinger SC oder SV Spielberg.

Doch nachdem man bereits die Spielzeiten zuvor jeweils mittelprächtig (2014/15) bis glänzend (2012/13, 2013/14, 2015/16) abgeschlossen hatte, erwarteten nicht wenige einen gewissen Automatismus auch für diese Saison. Nach zwei fünften Plätzen, einer sechsten und elften Endplatzierung sollte es doch in der jetzt abgelaufenen Saison zumindest auch für eine Mittelfeldplatzierung reichen?

Dabei hätten viele allzu optimistische Fans bereits vor Saison-Beginn angesichts diverser Fußball-Nachrichten aus den Lagern der Konkurrenz gewarnt sein müssen.

So wurde etwa bekannt, dass der ehemalige Oberligist TSV Steinbach mit einem beachtlichen Etat von 1,8 Millionen aufgerüstet hatte. Ein Sponsor hatte im Winter 16 Vollprofis geholt und deren Gehälter übernommen. Auch der Drittliga-Absteiger Stuttgarter Kickers ließ sich nicht lumpen und verpflichtete einen Innenverteidiger Daniel Schulz mit der Erfahrung von 73 Zweitligaspielen und 84 Einsätzen in der dritten Liga. Liga-Konkurrent und Dauer-Aufstiegsaspirant SV Elversberg legte mit der albanischen Sturm-Neuverpflichtung Edmond Kapllani (34) vom SSV Frankfurt mal wieder einen Coup hin.

Und gleichfalls mit einem Millionen-Etat ausgestattet, von dem Trier nur träumen kann, hatten der FC Homburg wie die Stuttgarter Kickers in der Winterpause bei Neuverpflichtungen mit vielen klangvollen Namen ordentlich nachgelegt, unter anderem mit Ex-Nationalspieler Tobias Weis, der bei Homburg einen Dreijahresvertrag unterschrieben hatte oder einem Nando Rafael.

Die Beispiele zeigen, dass die Konkurrenz – gleichwohl mit einer wesentlich besseren Finanzdecke ausgestattet – nicht geschlafen und ihre Hausaufgaben vor Saisonbeginn und zur Winterpause gemacht hatte. Und die Eintracht?

Sie hat in den vergangenen Spielzeiten eindrucksvoll unter Beweis stellen können, dass man schon mit 600.000 Euro in der Regionalliga oben mitspielen kann. So konnten bisweilen Mängel in der Spielanlage durch Biss, Kampfgeist und unbedingte Einsatzbereitschaft in der Vergangenheit kompensiert werden.

Hinzu kommt, dass die Region in wirtschaftlichen Belangen auch alles andere als auf Rosen gebettet ist, und die wenigen großen Arbeitgeber in der Region sich in Sachen Sponsoring traditionell vergleichsweise auch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen.

Ungünstig wird es besonders dann, wenn der bisherige Hauptsponsor Romika das Handtuch wirft. Zwar ist nach Aussagen des Vorstands die Finanzierung für die neue Saison gesichert, wenn auch mit verringertem Etat. Dennoch bleibt die Frage nach einem neuen Hauptsponsor, der dem Verein eine neue finanzielle Perspektive eröffnen kann.

Vieles wird davon abhängen, ob die DFB-Pokalteilnahme mit einem Sieg im Bitburger Rheinlandpokal-Finale im Salmtalstadion über die TuS Koblenz erreicht werden kann. 100.000 Euro lassen bei einem Sieg grüßen. Wird das nun letztlich einzig verbliebene Saison-Großziel erreicht, winken insgesamt knappe 700.000 Euro in der Vereinskasse.

Andernfalls muss die kommende Oberliga-Saison vermutlich mit weniger als 500.000 bestritten werden müssen – Margen, die im Verhältnis etwa zu den saarländischen Regionalliga-Clubs und den meisten der Ex-Konkurrenten mehr als bescheiden zu beziffern sind.

Sicherlich finanziell erschwerend hinzu kommen ausbleibende TV-Übertragungen und ein zu erwartender Zuschauerschnitt, der sich weit bescheidener in einem Rahmen zwischen rund 800 bis maximal 1.000 zahlenden Fans bewegen dürfte. Das ist nicht gerade ein attraktives Paket für ein Sponsoring. Daher muss es die Aufgabe des Vereins sein, hier spannende Finanzierungs-Plattformen wie etwa Crowdfunding-Modelle zu gestalten.

Vor dem Hintergrund eines chronisch bescheidenen finanziellen Gestaltungsrahmens nimmt es nicht Wunder, dass zu Beginn der Spielzeit 2016/17 von den Verantwortlichen das vergleichsweise bescheidene aber realistische Saisonziel eines angestrebten Mittelfeldplatzes ausgerufen worden war – aller Euphorie zum Ende der letzten Saison zum Trotz, als selbst Worte vom Aufstieg in die dritte Liga die Runde machten.

Der Vorstand blieb jedoch auf dem Teppich, vielleicht auch vor dem Hintergrund des großen Umbruchs, der sich in der Mannschaft vor Beginn der letzten Saison vollzogen hatte.

Für viele Nicht-Insider unverständlich, hatten nicht weniger als zehn Spieler – darunter etwa die Leistungsträger Buchner, Spang, Hammel und viele andere – nach einer glänzenden Saison auf einmal aus scheinbar unerklärlichen Gründen den Verein verlassen. Tatsache scheint jedoch, dass der Verein einigen Gehaltsaufbesserungen kategorisch ablehnend gegenübergestanden hatte, die Verträge auflöste und den betreffenden Spielern Maßlosigkeit vorwarf, wie aus dem Vereinsumfeld bekanntgeworden war.

In Fankreisen jedenfalls scheinen die Hauptschuldigen für die Zerlegung einer ehemals intakten ersten Mannschaft ausgemacht:

1. Der Ex-Trainer Peter Rubeck, dessen mitunter harscher und allzu fordernder Umgang mit den Spielern nicht immer auf Wohlwollen gestoßen sein dürfte. So habe er manchen Leistungsträger zu hart angepackt und auf Dauer vergrault. Rubeck hat noch Vertrag bis Sommer 2018 und wird in der kommenden Saison für die U19 verantwortlich zeichnen. Nicht wenige haben dem bisweilen überambitioniert agierenden Fußball-Besessenen die verkorkste letzte Spielzeit besonders vor dem Hintergrund verziehen, dass er öffentlich Mitverantwortung und damit eigene Fehler eingeräumt hat.

2. Der erfolglos agierende Sportdirektor Heiner Semar, der als Busenfreund von Rubeck gilt und von ihm mit ins Boot genommen worden war. Wie vorher beim SNV Zweibrücken präsentierte er sich als ein Macher, der ‚Geld gibt‘. Ihm werden – im Zusammenspiel mit Rubeck – aus dem Vereins-Umfeld falsche Personalentscheidungen, Kaderfehlplanungen und überdies unnötig hohe Provisionen pro Spielertransfer zu Last gelegt.

3. Der Vorstand, der sich nach Ansicht vieler unnötig hat von Semar das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lassen und ihm zu viel Entscheidungsspielräume überließ – aller schlechten Erfahrungen aus Zweibrücken 2014 zum Trotz. In den Augen hätte der große Umbruch vor der letzten Saison vermieden werden können, wenn der Vorstand früher eingegriffen hätte.

4. Ein Interimstrainer Corrochano, der nach Ansicht vieler zwar prinzipiell ein guter seines Fachs ist, jedoch der falsche Mann zur falschen Zeit im Abstiegskampf war.

So konnten nur einige wenige ehemalige Schlüsselspieler wie etwa Christian Telch, Patrick Lienhard oder ein Christoph Anton gehalten werden. Neue Spieler mussten her, die jedoch, von einigen wenigen Ausnahmen wie Muhamed Alawie mit 35 Einsätzen und 22 Toren abgesehen, nicht stachen. Doch er alleine konnte das Ruder nicht rumreißen. So ruhte allzu viel alleine auf seinen Schultern, wenn es nicht lief.

Das Kernproblem dieser verkorksten Saison: Wenn Alawie nicht traf, konnte kaum einer in die Bresche springen – mit Abstrichen von einem Patrick Lienhard abgesehen. Denn die anderen wie Telch und ein oft verletzter Anton ließen alten Glanz und Spielstärke weitestgehend vermissen.

So werden Alawie und Lienhard – obwohl beide aktuell noch Vertrag haben – für die neue Oberliga-Saison wohl nicht zu halten sein. Beiden stehen nach Ansicht vieler Fans nach den gezeigten Leistungen eher mindestens die Tür zur Regionalliga, wenn nicht gar zur dritten Liga offen.

Letztendlich die entscheidenden Gründe für die sportliche Misere auszumachen ist müßig. Sie sind, wie so oft irgendwo in einer Mischung aus

– einem Scheitern des Trainers, eine Mannschaft aus dem Rohmaterial zu formen
– fehlerhaftem, weil nicht ausreichend motivierten Spielerpersonal und
– und in einer Mannschaft ohne System und ohne wirkliche Startelf, die den Namen ‚Mannschaft‘ als geschlossene Einheit nicht verdient, angesiedelt.

Was bleibt ist ein Scherbenhaufen, aber die tröstliche Erkenntnis: Ein Abstieg kann auch ein Neuanfang sein – Mit dem klaren Bekenntnis zur Jugend, wie sie die Beförderung von Paulus zum Cheftrainer in der nächsten Saison darstellt, allemal.

Denn: Wer den A-Jugend-Trainer nach oben zieht, will auch, dass der Kern dieser Erfolgsmannschaft nächste Saison eine tragende Rolle spielen soll.

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